Mittwoch, 10. September 2008
RAPED - Verdrängung
Wieso ist hier niemand? Wieso weiß ich nicht, was passiert ist? Zum ersten Mal laufe ich etwas langsamer. Ich kann nicht ganz anhalten. Ich darf es nicht. Warum auch immer. Als ich mich das erste Mal umsehe, merke ich, dass ich mich in einem Wald befinde. Und es ist dunkel. Kein Wunder dass hier niemand ist. Aber jetzt, wo ich nicht mehr so schnell laufe, kann ich leise Autogeräusche hören. Ich beschließe, in diese Richtung zu laufen. Plötzlich kommt ein Gefühl in mir auf. Eines das sagt: „Vorsicht! Hier ist es gefährlich.“
Warum ich dieses Gefühl habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass es stimmt.
„Hey! Halt an!“, höre ich mich schreien, als ein Auto vorbei fährt. Aber ich realisiere schnell, dass es unsinnig ist. Auf einmal nehme ich anstatt der normalen Lichter vorbeifahrender Fahrzeuge ein seltsames Blinklicht zur Kenntnis. Es ist blau.
Ich vernehme neben den Autogeräuschen eine Stimme hinter mir: „Junge Frau? Sie wissen, dass sie sich auf einer Autobahn befinden?“ Ich drehe mich zu ihm um. „So genau wollte ich es jetzt nicht wissen“, ertönt die Stimme des jungen Polizisten erneut. Ich bemerke, dass er an mir heruntersieht. Sein Blick lässt etwas Verblüfftes vermuten, also sehe auch ich an mir herunter – und stelle fest, dass ich außer meinem grünen Mantel nur meine Brüste sehe – meine Brüste?! Reflexartig ziehe ich den Mantel zu. Er brennt leicht auf der Haut. „Soll ich sie in ein Krankenhaus fahren?“, fragt er mich verlegen, dabei versucht er, mich nicht anzusehen. „Halten sie das denn für angemessen?“ Er überlegt sich seine Antwort kurz. Dann kommt er zu dem Entschluss: „Nun ja, ihre Haut sieht ziemlich gerötet aus. Wie lange sind sie schon hier draußen?“ Wahrheitsgetreu antworte ich: „Ich weiß es nicht mehr.“ Mit den Worten „Kommen sie mal her“ macht er einen Schritt auf mich zu und berührt vorsichtig eine meiner Wangen. Erschrocken sieht er mich an: „Sie sind unterkühlt – oder es fühlt sich zumindest so an.“ Ein leichtes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Mir ist aber im Moment nicht nach lächeln zumute, denn ich friere wirklich. So stimme ich auch ein, dass er mich in ein Krankenhaus fährt.
Dort angekommen, weist mich eine Krankenschwester an, ihr zu folgen, damit ich einen dieser Krankenhauskittel bekomme. Die Fahrt verlief ziemlich still, denn ich hatte keine besondere Lust zu reden. Außerdem glaube ich, dass der junge Polizist sehr schüchtern ist.
Ich streife mir also den Kittel über und es geht mir gleich besser, denn mein Mantel ist vollkommen feucht und kalt. Die Schwester bittet mich, dass ich mich hier erst einmal hinsetzen könne, was ich auch mache. Auf der Fahrt konnte ich zwar schon die ganze Zeit sitzen, jedoch tun meine Füße immer noch weh. Jetzt, wo ich sie mir genauer ansehe, bemerke ich, dass alles rot ist, kleine Schnittwunden sind auch dabei.
„Hallo! Sind sie…“ Ich unterbreche die männliche Stimme: „Ja, bin ich.“ Schließlich ist hier sonst niemand in diesem Raum. Der junge Arzt will sich mir vorstellen: „Okay, ich bin Doktor Petrovic und ich werde sie nun untersuchen, in Ordnung?“ Ich bejahe die Frage – was bleibt mir auch anderes übrig.
Dr. Petrovic untersucht zuerst meine Temperatur, indem er mir einmal an die Stirn fasst, und mir ein Thermometer unter die Achsel schiebt. „Ich denke, sie sind leicht unterkühlt, genaueres wird uns aber das Thermometer sagen.“ Dabei lächelt er mich nett an. Dann guckt er sich meine Füße genauer an, da sie ihm wohl aufgefallen sind. „Tun die Füße weh?“ „Ein bisschen“, antworte ich. Er holt schnell ein paar Sachen, dann säubert er die Wunden und verbindet sie. „Also. Was bringt eine Frau wie sie mitten in der Nacht in einen Wald?“, fragt er interessiert. Ich antworte ihm: „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.“ Ich lächele dabei, obwohl ich genau weiß, dass mir niemand mein Lächeln abkauft. „Was ist denn das letzte, an das sie sich erinnern?“ Das ist eine kniffelige Frage. Ich überlege etwas, dann fällt es mir ein. Glaube ich zumindest. „Ich weiß noch, dass ein guter Freund von mir mich gebeten hat, ihn vor dem Wald zu treffen – etwa dort, wo mich der junge Polizist gefunden hat.“ Nun habe ich anscheinend das Interesse des Arztes geweckt, er hakt nämlich nach. „Kennen sie diesen Freund gut?“ Ich denke schon, aber im Moment weiß ich es nicht so recht, denn irgendetwas in meinem Inneren sagt mir, dass ich ihn doch nicht so gut kenne. „Ja, wir kennen uns schon länger.“ „Wie haben sie sich kennen gelernt? Wenn die Frage jetzt nicht zu persönlich ist.“ Wieder ein leichtes Lächeln, was es mir schwer macht, die Frage nicht zu beantworten. „Chat“, lautet meine kurze Antwort mit einem verlegenen Lächeln. Ich weiß nämlich, dass die meisten Leute eher misstrauisch gegenüber Chatbekanntschaften sind. Aber den Arzt scheint es zu interessieren, denn er hat mit dem Verbinden meiner Füße aufgehört, hält nur noch den halb umgewickelten Verband in seiner Hand. „Haben sie irgendwelche Schmerzen in ihrem Unterleib?“ Ich denke nach, versuche irgendetwas zu spüren. Irgendetwas ist da – zumindest denke ich das: „Ja, ein bisschen.“ Der Arzt verbindet mir schnell meinen Fuß fertig, dann sagt er: „Okay, ich werde vermutlich einen Ganzkörperscan machen müssen, um zu sehen, ob keine wichtigen Organe verletzt sind oder ähnliches.“ Er steht auf, da bemerkt er, das er vergessen hat – ich auch. „Beinahe hätte ich das Thermometer vergessen.“ Er zieht es mit einem verlegenen Lächeln heraus und studiert genau die Temperatur. Dann blickt er auf: „Nichts gefährliches – zum Glück“; das mir nun bekannte Lächeln kam wieder zum Vorschein. „Eine Krankenschwester wird gleich kommen“; mit diesen Worten verlässt er den Raum. Nach kurzer Zeit kommt die Krankenschwester auch schon, die einen freundlichen Eindruck auf mich macht. „Dann mal los!“
„ Sie sind der Polizist, der die junge Frau gefunden hat?“ Der junge Polizist antwortet dem Arzt: „Ja, der bin ich wohl.“ „Gut, hat sie etwas verstört ausgesehen, als sie sie gefunden haben?“ Der Polizist überlegt kurz, dann antwortet er: „Nein, ich glaube nicht.“ „In Ordnung, sie kann sich nicht erinnern, habe ich recht?“ „Ja, ich weiß auch nicht, woran es liegt, vielleicht hatte sie einen Unfall, ist gestürzt.“ Der Arzt antwortet prompt: „Nein, sie hat keine Anzeichen eines Traumas. Ich glaube, es ist etwas Schlimmeres passiert. Dasselbe, was meiner Frau auch passiert ist – bevor sie sich umgebracht hat.“
Gott! Der MRT war vielleicht laut. Da hilft selbst Musik durch die Kopfhörer nichts. Ich hab Kopfschmerzen davon. Nach dem Scan wurde ich wieder zurück in mein Behandlungszimmer gebracht – der Herr Doktor wollte mich zumindest diese Nacht im Krankenhaus behalten. Ich bin gespannt, was der Scan so zeigt. „Und, wie geht es ihnen?“ Etwas überrascht öffne ich die Augen – und sehe den jungen Arzt wieder. „Naja“, zögere ich. „Kopfschmerzen!“ beende ich meinen Satz mit einem kleinen Lächeln. Er lächelt mir zurück. Vielleicht sollte ich mal etwas mit ihm Essen gehen, wenn ich hier raus bin, denn er sieht wirklich gut aus. Aber diese Kopfschmerzen bringen mich noch um. Sowieso scheint mit meinem Kopf nicht alles in Ordnung zu sein. Ich kann mich an alles erinnern, außer die letzten paar Stunden, nach dem ich vor dem Wald gewartet habe. Es müssen mehrere Stunden gewesen sein, denn als ich gewartet habe, war es noch hell.
„Wollen sie gar nicht wissen, was wir herausgefunden haben?“, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der junge Arzt hat eine bedenkliche Mine aufgesetzt. Ich frage mich, ob es wegen meiner Anteilslosigkeit oder dem Befund zu tun hat. Also antworte ich: „Sie erzählen es mir doch so oder so.“ Dabei lächle ich ihn etwas zuneigungsvoll an – zumindest soll es so aussehen. „Da haben sie wohl recht“, sagt er und kratzt sich verlegen am Kopf.
„Nun ja, ich will nicht lange drum herum reden, also sage ich es ihnen jetzt einfach. Wir haben eine Wucherung auf der MRT in gefunden. Könnte ein Schatten oder sonst etwas sein, es könnte aber auch Gebärmutterhalskrebs sein.“ Hab ich richtig gehört? Krebs? Oh Gott, das alles nur, weil ich nachts durch den Wald laufe. Wäre es im Moment nicht wichtiger, zu wissen, was ich im Wald gemacht habe? „Wir werden deshalb einen Abstrich machen, um sicherzugehen, danach werden wir weiter sehen.“ Er schaut nachdenklich aus. Hat er was vergessen? Es fällt ihm wohl wieder ein. „Eine Schwester kann das machen, wenn es ihnen lieber ist.“ Dankend nehme ich das Angebot an. „Wir sehen uns dann später.“ Ein kleines Winken und weg ist er. Er schließt noch nicht einmal die Tür, denn die Krankenschwester hat wohl schon gewartet. Sie begrüßt mich mit den Worten: „Und, sind sie bereit?“
Also lasse ich die Prozedur über mich ergehen. Zuerst, so sagt man mir, wird mir ein Spekulum eingeführt. Dann wird ein Zervikalabstrich durchgeführt. Dies ist, so sagt man mir ebenfalls, der sicherste Test. Aber irgendwie schmerzt es. Schon das Spekulum hat geschmerzt. Ich frage also die Schwester: „Ist es gewöhnlich, dass diese Art Untersuchung weh tut?“ Erstaunt und etwas überrascht kommt sie hinter dem Laken, welches über meine Beine geworfen ist, hervor: „Eigentlich nicht. Ich sehe mir das mal genauer an.“
Plötzlich hält sie den Atem an. Ich höre sie ganz leise: „Oh, mein Gott…“ Dann kommt sie wieder hinter dem Laken hervor: „Einen kleinen Moment bitte.“ Ganz entgeistert verlässt sie das Zimmer. Was ist los?! Ich möchte jetzt einfach nur wissen, was eine Krankenschwester dazu bewegen kann, so fassungslos auszusehen. Besonders weil ich es ja bin, die für die Fassungslosigkeit sorgt. Dann kommt sie wieder, im Schlepptau der junge Arzt. „Sehen sie sich das mal an“, höre ich sie sagen. Der junge Arzt wirft einen genauen Blick darauf. Ganz leise, fast schon in Gedanken, sagt er: „Oh nein – ich habe es befürchtet…“ Nun will ich auch wissen, was mit meinem Körper los ist: „Was ist denn?!“ Doch der Arzt winkt nur ab und eilt aus dem Zimmer.
Der junge Arzt wendet sich an den Polizisten: „Wir haben hier das, was ich ihnen schon vorher angedeutet habe.“ In den Augen des Polizisten entwickelt sich Entsetzen.
Was ist bloß mit dem jungen Arzt los? Warum ist er so entsetzt raus gestürmt? Fragen über Fragen. Und dann auch noch meine Amnesie. Ich will endlich wissen, was hier los ist.
„Schwester!“ Tatsächlich kommt auch sofort eine Schwester. „Wissen sie, wo mein behandelnder Arzt hin ist?“ Sie guckt etwas nachdenklich: „Meinen sie Doktor…“ „Ja, den meine Ich.“
Der junge Arzt meldet sich zu Wort: „Ich halte das für keine gute Idee.“ Der Polizist erwidert: „Sie hat aber ein Recht, es zu erfahren.“ „Was meinen sie? Macht es sie glücklicher? Wird sie denken: Oh, sie sind ja ein netter Polizist, dass sie mir davon erzählt haben. Der böse Doktor wollte es mir ja verheimlichen.“ Der junge Polizist, etwas erzürnt: „So habe ich das nicht gemeint.“ „So hat es sich aber angehört.“
Eine Krankenschwester kommt dazu: „Doktor, ihre Patientin fragt nach ihnen.“
Wo bleibt er denn bloß? Ich will jetzt die Antworten auf meine Fragen. Und keine Ausreden.
Endlich öffnet sich die Tür und der Arzt tritt ein. Aber nicht nur er. Auch eine Krankenschwester – was nicht verwunderlich ist – und der junge Polizist. Was will der hier?!
„Ich will wissen, was hier los ist!“, sage ich bestimmt. Doch plötzlich werfen sich der Arzt und der Polizist grimmige Blicke zu. Es sieht so aus, als würde der Arzt langsam nachgeben, obwohl er damit nicht zufrieden scheint.
Er blickt mich bedrückt an. Etwa so, wie die Ärzte im Fernsehen, wenn sie jemandem sagen, dass sie sterben. „Das gute ist, sie haben keinen Krebs.“ Na das ist doch toll, warum dieser Ausdruck?
Das erfahre ich jetzt, denn dem jungen Polizisten geht es wohl nicht schnell genug.
„Sie wurden vergewaltigt.“
Ich finde keine Worte. Ich bin nur fassungslos. Vergewaltigt?
Dann füllt sich meine Seele mit dunklem Nichts.
Samstag, 23. Februar 2008
Gedanken eines Mannes (2)
Herr Neuer kam nach Haus. Die Arbeit hatte ihn ausgelaugt. Wenn man einen 16-Stunden-Tag hatte, konnte man sich auch mal entspannen. Also schloss er die Tür, entkleidete sich und legte sich auf die Couch. Er musste seinen Beinen auch einmal Ruhe gönnen, da er von den 11 Stunden geschätzte 7 zu Fuß unterwegs war. Er nahm die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Um halb eins gab es natürlich nichts anderes als diese Call-In Shows, oder der „nicht-jugendfreie“ Scheiß.
Also legte er eine DVD in den Player und ging erst einmal in die Küche. Er hatte heute gerade einmal eine Schüssel Müsli und ein Quarkhörnchen gegessen.
Hmm…also erst einmal eine Scheibe Toast.
Nachdem er den Toaster angemacht hat, setzte er eine Pfanne mit Butter auf. Danach drehte er noch die Heizung auf. Der Toast sprang hinaus.
Es roch nach qualm. Ein bisschen wie Angebranntes. Als Herr Neuer erwachte, war die DVD schon wieder im Hauptmenü. Der Film war zu ende.
Außerdem stellte Herr Neuer einen anderen Geruch fest. Er war beißend und stank.
Da Herr Neuer dieser Geruch bekannt war, kümmerte er sich nicht darum.
Er entnahm die DVD und packte sie in die Hülle. Dann steckte er selbige in das DVD-Regal.
Der Geruch wurde immer schlimmer, sowohl der Geruch von Angebranntem als auch dieser beißende Geruch vermischten sich allmählich.
Herr Neuer würde ihm aber nicht mehr lange ausgesetzt sein. Das wusste er. Das war sein Plan.
Er steckte einen Briefumschlag in sein Hemd und räumte das Geschirr vom Tisch. Mit vollbeladenen Händen schritt er seines Weges in Richtung Küche – es würde sein letzter werden.
Er stellte das Geschirr in die Spüle. Hier in der Küche roch es am schlimmsten. Das Fett in der Pfanne wurde immer heißer.
Plötzlich ging das Fett in Flammen auf. Die Flammen entzündeten das Gas, das aus einem Loch in der Heizung ausgetreten ist. Die Geräte in der Küche wurden an die Wände geschleudert, es gab einen lauten Knall und einen grellen Lichtblitz. Dieser laute Knall beendete auch das Leben von Herr Neuer. Es war ein sinnloses Leben. Sinnlos, nach dieser Sache. Bei der Explosion verbrannte zuerst der Briefumschlag. Das Innere kam zum Vorschein.
[…]ich weiß, dass du enttäusch bist. Aber ich liebe dich immer noch. Und was soll ich nun machen? Als […] erfahren hat, dass es dich gibt, ist er einfach abgehauen. Und du bist auch weg. Ich weiß, ich bin selbst schuld. Aber…ich liebe dich einfach. Du bist der einzige Mann, den ich näher an mich herangelassen hab. Also psychisch, nicht physisch. Aber das hast du dir bestimmt gedacht. Nun ja; ohne dich hat mein Leben keinen Sinn mehr. Ich will dir auch weitere Diskussionen ersparen, deshalb kommt nun, was kommen muss. Ich werde diese Welt, für die ich nicht gemacht bin, verlassen. Es war eine schöne Zeit mit dir. Du warst sowieso zu gut für mich.
Ich werde dich für immer und ewig lieben,
[…]
Der Brief fing immer mehr und mehr Feuer, bis auch er zu Asche zerfiel.
Auch Herr Neuer wurde immer mehr und mehr zu Asche. Nun war auch er gegangen von dieser Welt, er, der viel zu gut für diese Welt war. Doch ihn würde niemand vermissen. Dies war auch gut, so wie es geschah. Alles ward zu Asche.
Asche zu Asche und Staub zu Staub.
Gedanken eines Mannes
Das Wasser war angenehm warm.
Es bahnte sich den Weg über seinen Körper. Bei den Füßen angekommen, floss es dann zum Abfluss.
Wie lang stand er schon unter der Dusche? 10 Minuten? Eine halbe Stunde?
Es war ihm egal. Er hatte andere Probleme. Schwerwiegendere Probleme…
Es war kalt. Kein Wunder mit der Jacke abends im Winter. Aber es war ihm egal. Dieser Tag war der beste seit Jahren. Auf dem Weg nach Hause dachte er über vieles nach. Auch über eine mögliche Zukunft mit ihr. Wie sie es auffassen würde, wenn er sie fragte. Wie er sie fragen sollte. Machte er sich zu viele Gedanken? Vielleicht. Aber er wollte sicher gehen; möglicherweise zu sicher…
Er fühlte sich schon freier als vorher. Doch ihn beschäftigte noch immer die Sache mit ihr.
Wie konnte sie so etwas nur tun. Besonders nach allem, was er getan hatte. Er war immer für sie da gewesen. Auch, als sie sich ganz allein gefühlt hatte. Mit all diesen Dingen…
Nachdem sie aus der Entzugsklinik kam, sah sie wesentlich besser aus. Es ging ihr zwischenzeitlich miserabel. Er traf sie jetzt das erste Mal nach etwa 4 Monaten. Also das erste Mal außerhalb der Klinik. In die Klinik kam er so oft er konnte. So oft er durfte.
Ihre Eltern hatten sie verlassen. Ihre „Freunde“ hatten sie auch verlassen. Naja, es waren wohl keine wirklichen Freunde. Der einzige, der blieb war er. Er hatte auch niemanden mehr. Seinen Vater hatte er nie kennengelernt, seine Mutter starb vor 2 Jahren. Sie hatten also nur noch sich.
Es stellte sich heraus, dass dieser Tag noch sehr schön wurde, und beide viel Spaß hatten. Wenn man sie gesehen hätte, würde man denken, dass sie zusammen sein würden. Vielleicht waren sie das auch; er wusste es nicht so genau. Er wollte sie auch nicht fragen oder etwas in der Richtung. Er war froh darüber, dass er Zeit mit ihr verbringen konnte. Und er wollte sie nicht verlieren. Allerdings wollte er schon gerne wissen, wie sie darüber denkt.
Wahrscheinlich fühlte sie nicht dasselbe für ihn, wie er für sie…
Er bemitleidete sich selbst. Warum hatte er sie nicht gefragt? Dann hätte sie es vielleicht nicht getan. Auch wenn sie dann nicht mit ihm gegangen wäre, wäre es immer noch leichter zu verkraften, als dies.
Er drehte das Wasser ab und stieg aus der Dusche aus. Er nahm sich ein Handtuch und begann sich abzutrocknen. Er wollte nicht mehr an die letzten 3 Stunden denken, aber plötzlich überkam ihn die Erinnerung…
Sie hatte gerade Semesterferien und wollte irgendwo hin. Sie entschied sich für Hamburg.
Da sie ihm nicht zur Last fallen wollte, nahm sie sich ein Zimmer in einem billigen Hotel.
Ihm gegenüber hatte sie es kurz am Telefon erwähnt, aber sie würde sich wohl wundern, warum er plötzlich an ihrer Zimmertür klopfen würde. Er hatte es sich jedoch genau gemerkt.
Jedenfalls war er gerade auf dem Weg zu ihr. Er hatte einen Strauß Blumen und ein kleines Lebkuchen Herz bei sich. Auf dem Herz stand: „Willst du mit mir gehen?“. Er hatte sich gedacht, wenn er es schon nicht sagen kann, dann wenigstens auf diese Weise.
Im Hotel angekommen fragte er an der Rezeption nach der Zimmernummer. Die Frau schaute nach und sagte ihm dann etwas verdutzt die Zimmernummer. Er dachte sich nichts dabei, doch er hätte gar nicht erst weiter gehen sollen. Nun nahm alles seinen Lauf.
Vor der Zimmertür stand er nun. Er sortierte nochmals seine Worte und Sätze, dann wollte er anklopfen. Doch er bemerkte, dass die Tür offen war. Also ging er einfach so hinein. Er wollte sie überraschen. Wieso wollte er sie bloß überraschen? Er hätte anklopfen sollen. Oder gar nicht erst hochgehen.
Also ging er hinein. Je weiter er rein ging, desto lauter wurden die Geräusche. Es war ähnlich einem Gestöhne. Ganz leise, jedoch wurde es immer lauter. Er hätte noch umdrehen könne, das alles nicht zu Gesicht bekommen, aber er realisierte erst zu spät, was für ein Gestöhne das war. Als er in das Zimmer trat, saß sie auf einem unbekannten Mann. Nackt. Die Tür muss wohl bei dem wilden Liebesspielchen einfach vergessen worden sein. Sie bemerkte ihn und ihr Gesichtsausdruck wandelte von erregt über auf entsetzt. Er konnte deutlich die Frage in ihren Augen sehen: „Was macht er hier?“ Das fragte er sich nun auch. Was machte er hier?
Sie versuchte etwas aus ihrem Mund herauszubekommen. Es klang etwa wie: „Du? Hey, es tut mir wirklich leid…ich wollte das gar nicht…“
Eine Welt brach für ihn zusammen. Innerhalb einer Minute hatte sich sein ganzes Leben um 180° gedreht. Er versuchte, Ruhe zu bewahren. Ganz ruhig sagte er: „Schon in Ordnung…“ Eigentlich war nichts in Ordnung. „…Es scheint wohl meine Schuld zu sein. Ich habe dir etwas mitgebracht. Hier.“ Er zeigte ihr das Herz, die Blumen hatte sie längst gesehen. Der Unbekannte guckte etwas verdutzt. Er sprach weiter: „Ich lasse das Herz hier. Die Blumen auch. Dann kannst du dich zumindest immer an denjenigen erinnern, dem du am meisten wehgetan hast.“ Jetzt begriff sie. Sie erkannte, was auf dem Herz stand. Eine Träne rollte über ihre Wange. „Nein, bitte nicht!“
Er legte das Herz und die Blumen auf den Tisch in dem Raum. Dann drehte er sich zur Tür und ging. Sie sprang auf und rannte ihm hinterher. Es war ihr egal, dass sie nackt im Hotelflur stand. Sie hielt ihn fest. „Bitte, geh nicht. Du bist doch alles, was ich habe.“ Er nahm ihre Hand sanft von seiner Schulter. „Hör zu“, sagte er ruhig. „Ich will dir nicht wehtun, oder dich anschreien. Aber das hättest du dir vorher überlegen sollen.“ Von den Tränen war ihre Schminke total verlaufen. Sie weinte immer noch. „Ich werde nun gehen. Du wirst mir nicht folgen“, sagte er. „Vergiss mich einfach. Oder hast du das schon längst getan?“ Er drehte sich um und ging den Flur hinunter. Sie ließ sich auf ihre Knie fallen und begann zu schreien.
Er hörte es, ging aber trotzdem weiter.
Als er sich daran erinnerte, lief ihm auch eine Träne über die Wange. Er musste auch noch die nächsten Tage daran denken. Er wollte sie vergessen. Das würde ihm aber nie gelingen.
Ein paar Tage später las er in der Zeitung, dass eine junge Frau Selbstmord begangen hat. Sie war es gewesen.
Der Zustand der Verzweiflung, in dem er jetzt war, lässt sich mit Worten nicht beschreiben.
Ab diesem Augenblick wollte er keine andere Frau mehr.
Er würde einsam sterben.
