Mittwoch, 10. September 2008

RAPED - Verdrängung

Ich kann nicht mehr. Meine Füße schmerzen. Wie weit war ich schon gelaufen? 8 Kilometer? 9? Vielleicht auch 10? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß nur noch, dass ich weg musste. Wovor ich flüchte, weiß ich auch nicht mehr.
Wieso ist hier niemand? Wieso weiß ich nicht, was passiert ist? Zum ersten Mal laufe ich etwas langsamer. Ich kann nicht ganz anhalten. Ich darf es nicht. Warum auch immer. Als ich mich das erste Mal umsehe, merke ich, dass ich mich in einem Wald befinde. Und es ist dunkel. Kein Wunder dass hier niemand ist. Aber jetzt, wo ich nicht mehr so schnell laufe, kann ich leise Autogeräusche hören. Ich beschließe, in diese Richtung zu laufen. Plötzlich kommt ein Gefühl in mir auf. Eines das sagt: „Vorsicht! Hier ist es gefährlich.“
Warum ich dieses Gefühl habe, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass es stimmt.
„Hey! Halt an!“, höre ich mich schreien, als ein Auto vorbei fährt. Aber ich realisiere schnell, dass es unsinnig ist. Auf einmal nehme ich anstatt der normalen Lichter vorbeifahrender Fahrzeuge ein seltsames Blinklicht zur Kenntnis. Es ist blau.
Ich vernehme neben den Autogeräuschen eine Stimme hinter mir: „Junge Frau? Sie wissen, dass sie sich auf einer Autobahn befinden?“ Ich drehe mich zu ihm um. „So genau wollte ich es jetzt nicht wissen“, ertönt die Stimme des jungen Polizisten erneut. Ich bemerke, dass er an mir heruntersieht. Sein Blick lässt etwas Verblüfftes vermuten, also sehe auch ich an mir herunter – und stelle fest, dass ich außer meinem grünen Mantel nur meine Brüste sehe – meine Brüste?! Reflexartig ziehe ich den Mantel zu. Er brennt leicht auf der Haut. „Soll ich sie in ein Krankenhaus fahren?“, fragt er mich verlegen, dabei versucht er, mich nicht anzusehen. „Halten sie das denn für angemessen?“ Er überlegt sich seine Antwort kurz. Dann kommt er zu dem Entschluss: „Nun ja, ihre Haut sieht ziemlich gerötet aus. Wie lange sind sie schon hier draußen?“ Wahrheitsgetreu antworte ich: „Ich weiß es nicht mehr.“ Mit den Worten „Kommen sie mal her“ macht er einen Schritt auf mich zu und berührt vorsichtig eine meiner Wangen. Erschrocken sieht er mich an: „Sie sind unterkühlt – oder es fühlt sich zumindest so an.“ Ein leichtes Lächeln zeichnet sich auf seinem Gesicht ab. Mir ist aber im Moment nicht nach lächeln zumute, denn ich friere wirklich. So stimme ich auch ein, dass er mich in ein Krankenhaus fährt.

Dort angekommen, weist mich eine Krankenschwester an, ihr zu folgen, damit ich einen dieser Krankenhauskittel bekomme. Die Fahrt verlief ziemlich still, denn ich hatte keine besondere Lust zu reden. Außerdem glaube ich, dass der junge Polizist sehr schüchtern ist.
Ich streife mir also den Kittel über und es geht mir gleich besser, denn mein Mantel ist vollkommen feucht und kalt. Die Schwester bittet mich, dass ich mich hier erst einmal hinsetzen könne, was ich auch mache. Auf der Fahrt konnte ich zwar schon die ganze Zeit sitzen, jedoch tun meine Füße immer noch weh. Jetzt, wo ich sie mir genauer ansehe, bemerke ich, dass alles rot ist, kleine Schnittwunden sind auch dabei.
„Hallo! Sind sie…“ Ich unterbreche die männliche Stimme: „Ja, bin ich.“ Schließlich ist hier sonst niemand in diesem Raum. Der junge Arzt will sich mir vorstellen: „Okay, ich bin Doktor Petrovic und ich werde sie nun untersuchen, in Ordnung?“ Ich bejahe die Frage – was bleibt mir auch anderes übrig.
Dr. Petrovic untersucht zuerst meine Temperatur, indem er mir einmal an die Stirn fasst, und mir ein Thermometer unter die Achsel schiebt. „Ich denke, sie sind leicht unterkühlt, genaueres wird uns aber das Thermometer sagen.“ Dabei lächelt er mich nett an. Dann guckt er sich meine Füße genauer an, da sie ihm wohl aufgefallen sind. „Tun die Füße weh?“ „Ein bisschen“, antworte ich. Er holt schnell ein paar Sachen, dann säubert er die Wunden und verbindet sie. „Also. Was bringt eine Frau wie sie mitten in der Nacht in einen Wald?“, fragt er interessiert. Ich antworte ihm: „Ehrlich gesagt, weiß ich es nicht.“ Ich lächele dabei, obwohl ich genau weiß, dass mir niemand mein Lächeln abkauft. „Was ist denn das letzte, an das sie sich erinnern?“ Das ist eine kniffelige Frage. Ich überlege etwas, dann fällt es mir ein. Glaube ich zumindest. „Ich weiß noch, dass ein guter Freund von mir mich gebeten hat, ihn vor dem Wald zu treffen – etwa dort, wo mich der junge Polizist gefunden hat.“ Nun habe ich anscheinend das Interesse des Arztes geweckt, er hakt nämlich nach. „Kennen sie diesen Freund gut?“ Ich denke schon, aber im Moment weiß ich es nicht so recht, denn irgendetwas in meinem Inneren sagt mir, dass ich ihn doch nicht so gut kenne. „Ja, wir kennen uns schon länger.“ „Wie haben sie sich kennen gelernt? Wenn die Frage jetzt nicht zu persönlich ist.“ Wieder ein leichtes Lächeln, was es mir schwer macht, die Frage nicht zu beantworten. „Chat“, lautet meine kurze Antwort mit einem verlegenen Lächeln. Ich weiß nämlich, dass die meisten Leute eher misstrauisch gegenüber Chatbekanntschaften sind. Aber den Arzt scheint es zu interessieren, denn er hat mit dem Verbinden meiner Füße aufgehört, hält nur noch den halb umgewickelten Verband in seiner Hand. „Haben sie irgendwelche Schmerzen in ihrem Unterleib?“ Ich denke nach, versuche irgendetwas zu spüren. Irgendetwas ist da – zumindest denke ich das: „Ja, ein bisschen.“ Der Arzt verbindet mir schnell meinen Fuß fertig, dann sagt er: „Okay, ich werde vermutlich einen Ganzkörperscan machen müssen, um zu sehen, ob keine wichtigen Organe verletzt sind oder ähnliches.“ Er steht auf, da bemerkt er, das er vergessen hat – ich auch. „Beinahe hätte ich das Thermometer vergessen.“ Er zieht es mit einem verlegenen Lächeln heraus und studiert genau die Temperatur. Dann blickt er auf: „Nichts gefährliches – zum Glück“; das mir nun bekannte Lächeln kam wieder zum Vorschein. „Eine Krankenschwester wird gleich kommen“; mit diesen Worten verlässt er den Raum. Nach kurzer Zeit kommt die Krankenschwester auch schon, die einen freundlichen Eindruck auf mich macht. „Dann mal los!“

„ Sie sind der Polizist, der die junge Frau gefunden hat?“ Der junge Polizist antwortet dem Arzt: „Ja, der bin ich wohl.“ „Gut, hat sie etwas verstört ausgesehen, als sie sie gefunden haben?“ Der Polizist überlegt kurz, dann antwortet er: „Nein, ich glaube nicht.“ „In Ordnung, sie kann sich nicht erinnern, habe ich recht?“ „Ja, ich weiß auch nicht, woran es liegt, vielleicht hatte sie einen Unfall, ist gestürzt.“ Der Arzt antwortet prompt: „Nein, sie hat keine Anzeichen eines Traumas. Ich glaube, es ist etwas Schlimmeres passiert. Dasselbe, was meiner Frau auch passiert ist – bevor sie sich umgebracht hat.“

Gott! Der MRT war vielleicht laut. Da hilft selbst Musik durch die Kopfhörer nichts. Ich hab Kopfschmerzen davon. Nach dem Scan wurde ich wieder zurück in mein Behandlungszimmer gebracht – der Herr Doktor wollte mich zumindest diese Nacht im Krankenhaus behalten. Ich bin gespannt, was der Scan so zeigt. „Und, wie geht es ihnen?“ Etwas überrascht öffne ich die Augen – und sehe den jungen Arzt wieder. „Naja“, zögere ich. „Kopfschmerzen!“ beende ich meinen Satz mit einem kleinen Lächeln. Er lächelt mir zurück. Vielleicht sollte ich mal etwas mit ihm Essen gehen, wenn ich hier raus bin, denn er sieht wirklich gut aus. Aber diese Kopfschmerzen bringen mich noch um. Sowieso scheint mit meinem Kopf nicht alles in Ordnung zu sein. Ich kann mich an alles erinnern, außer die letzten paar Stunden, nach dem ich vor dem Wald gewartet habe. Es müssen mehrere Stunden gewesen sein, denn als ich gewartet habe, war es noch hell.
„Wollen sie gar nicht wissen, was wir herausgefunden haben?“, werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Der junge Arzt hat eine bedenkliche Mine aufgesetzt. Ich frage mich, ob es wegen meiner Anteilslosigkeit oder dem Befund zu tun hat. Also antworte ich: „Sie erzählen es mir doch so oder so.“ Dabei lächle ich ihn etwas zuneigungsvoll an – zumindest soll es so aussehen. „Da haben sie wohl recht“, sagt er und kratzt sich verlegen am Kopf.
„Nun ja, ich will nicht lange drum herum reden, also sage ich es ihnen jetzt einfach. Wir haben eine Wucherung auf der MRT in gefunden. Könnte ein Schatten oder sonst etwas sein, es könnte aber auch Gebärmutterhalskrebs sein.“ Hab ich richtig gehört? Krebs? Oh Gott, das alles nur, weil ich nachts durch den Wald laufe. Wäre es im Moment nicht wichtiger, zu wissen, was ich im Wald gemacht habe? „Wir werden deshalb einen Abstrich machen, um sicherzugehen, danach werden wir weiter sehen.“ Er schaut nachdenklich aus. Hat er was vergessen? Es fällt ihm wohl wieder ein. „Eine Schwester kann das machen, wenn es ihnen lieber ist.“ Dankend nehme ich das Angebot an. „Wir sehen uns dann später.“ Ein kleines Winken und weg ist er. Er schließt noch nicht einmal die Tür, denn die Krankenschwester hat wohl schon gewartet. Sie begrüßt mich mit den Worten: „Und, sind sie bereit?“
Also lasse ich die Prozedur über mich ergehen. Zuerst, so sagt man mir, wird mir ein Spekulum eingeführt. Dann wird ein Zervikalabstrich durchgeführt. Dies ist, so sagt man mir ebenfalls, der sicherste Test. Aber irgendwie schmerzt es. Schon das Spekulum hat geschmerzt. Ich frage also die Schwester: „Ist es gewöhnlich, dass diese Art Untersuchung weh tut?“ Erstaunt und etwas überrascht kommt sie hinter dem Laken, welches über meine Beine geworfen ist, hervor: „Eigentlich nicht. Ich sehe mir das mal genauer an.“
Plötzlich hält sie den Atem an. Ich höre sie ganz leise: „Oh, mein Gott…“ Dann kommt sie wieder hinter dem Laken hervor: „Einen kleinen Moment bitte.“ Ganz entgeistert verlässt sie das Zimmer. Was ist los?! Ich möchte jetzt einfach nur wissen, was eine Krankenschwester dazu bewegen kann, so fassungslos auszusehen. Besonders weil ich es ja bin, die für die Fassungslosigkeit sorgt. Dann kommt sie wieder, im Schlepptau der junge Arzt. „Sehen sie sich das mal an“, höre ich sie sagen. Der junge Arzt wirft einen genauen Blick darauf. Ganz leise, fast schon in Gedanken, sagt er: „Oh nein – ich habe es befürchtet…“ Nun will ich auch wissen, was mit meinem Körper los ist: „Was ist denn?!“ Doch der Arzt winkt nur ab und eilt aus dem Zimmer.

Der junge Arzt wendet sich an den Polizisten: „Wir haben hier das, was ich ihnen schon vorher angedeutet habe.“ In den Augen des Polizisten entwickelt sich Entsetzen.

Was ist bloß mit dem jungen Arzt los? Warum ist er so entsetzt raus gestürmt? Fragen über Fragen. Und dann auch noch meine Amnesie. Ich will endlich wissen, was hier los ist.
„Schwester!“ Tatsächlich kommt auch sofort eine Schwester. „Wissen sie, wo mein behandelnder Arzt hin ist?“ Sie guckt etwas nachdenklich: „Meinen sie Doktor…“ „Ja, den meine Ich.“

Der junge Arzt meldet sich zu Wort: „Ich halte das für keine gute Idee.“ Der Polizist erwidert: „Sie hat aber ein Recht, es zu erfahren.“ „Was meinen sie? Macht es sie glücklicher? Wird sie denken: Oh, sie sind ja ein netter Polizist, dass sie mir davon erzählt haben. Der böse Doktor wollte es mir ja verheimlichen.“ Der junge Polizist, etwas erzürnt: „So habe ich das nicht gemeint.“ „So hat es sich aber angehört.“
Eine Krankenschwester kommt dazu: „Doktor, ihre Patientin fragt nach ihnen.“

Wo bleibt er denn bloß? Ich will jetzt die Antworten auf meine Fragen. Und keine Ausreden.
Endlich öffnet sich die Tür und der Arzt tritt ein. Aber nicht nur er. Auch eine Krankenschwester – was nicht verwunderlich ist – und der junge Polizist. Was will der hier?!
„Ich will wissen, was hier los ist!“, sage ich bestimmt. Doch plötzlich werfen sich der Arzt und der Polizist grimmige Blicke zu. Es sieht so aus, als würde der Arzt langsam nachgeben, obwohl er damit nicht zufrieden scheint.
Er blickt mich bedrückt an. Etwa so, wie die Ärzte im Fernsehen, wenn sie jemandem sagen, dass sie sterben. „Das gute ist, sie haben keinen Krebs.“ Na das ist doch toll, warum dieser Ausdruck?
Das erfahre ich jetzt, denn dem jungen Polizisten geht es wohl nicht schnell genug.
„Sie wurden vergewaltigt.“
Ich finde keine Worte. Ich bin nur fassungslos. Vergewaltigt?
Dann füllt sich meine Seele mit dunklem Nichts.

1 Kommentar:

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