„Eine Gelegenheit klopft nie zweimal an. Das ist die traurige Wahrheit. Und wenn wir Dinge auf den nächsten Tag verschieben, kann es sein, dass dieser Tag nicht stattfindet.“
-Gloria Estefan
Es war an einem schönen, wenn auch kalten, Herbsttag, dem 29. November, um genau zu sein.
Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, weiß genau, wie viele Wolken am Himmel waren.
Denn es war nicht nur mein Geburtstag, sondern auch der Tag, an dem jemand begraben wurde, der mir sehr nahe stand.
Nachdem der Pastor sein Gebet gehalten hat, wird der Sarg hinabgelassen in die ausgehobene Grube. Danach reihen sich alle Angehörigen auf, um ein bisschen Sand auf den Sarg zu schütten.
Und auch ich reihe mich ein in die Schlange.
In die Schlange, in der ich niemanden kenne; und in der auch mich niemand kennt.
Es gab nur eine Verbindung zwischen den Personen hier und mir: Sie.
Nicht umsonst stehe ich hier heulend, meine Augen komplett gerötet. Sie war mir sehr wichtig. Ist mir immer noch wichtig.
Rückblickend würde ich sagen, wichtiger als alles andere.
Und doch kann ich es ihr nicht sagen. Und werde es auch nie mehr…
Als ich endlich vor dem Grab stehe, nehme ich die Schaufel in die Hand und fasse den Entschluss: Doch! Ich werde es ihr sagen!
Ich nehme also etwas von dem Sand auf die Schaufel und beim hineinschütten flüstere ich: „Ich liebe dich…“
Ich bleibe noch ein paar Sekunden stehen.
Mit Bedauern stelle ich fest, dass sich nichts bewegt.
Was habe ich eigentlich für Vorstellungen? Als ob sie nur von diesen Worten wieder auferstehen würde.
So begreife auch ich, dass es zu spät ist und mache dem Nächsten Platz, der Abschied nehmen will.
Der erste Schultag in der neuen Schule… gibt es was Schlimmeres?
Ja, meine alte Schule.
Also kam ich in den Raum, in dem meine ganzen anderen Mitschüler waren. Leute, die sich schon seit Jahren kannten, zu denen ein Außenseiter hinzustieß – Ich fühlte mich fremd.
Als ich mich umblickte, bemerkte ich, dass mich jemand angesehen hatte, sich jedoch schnell umdrehte, als sich unsere Blicke trafen.
Es sollte sich herausstellen, dass sie Lilly hieß und anscheinend gut mit mir auskam.
Es war am zweiten Wochenende nach dem Schulanfang, an dem ich sie traf.
Da wir beide eher ziellos durch die Gegend irrten, schlug ich vor, dass wir doch auch zusammen ziellos sein könnten.
Zu meiner Überraschung willigte sie sofort ein. Und es wurde noch ein schöner Tag…
War es ein Fehler? Ich hätte es ihr sagen sollen. Hätte ich es ihr sagen sollen? Was hatte ich zu verlieren?
Es ist einfach diese Ungewissheit, wie der andere darauf reagiert.
Und das hab ich jetzt davon…
Auch wenn wir uns noch einige Male trafen, wurde ich das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmte.
Sie wurde bei jedem Mal etwas schüchterner, immer, wenn ich sie ansprach, war sie etwas verlegener.
Allerdings hatte sie nie irgendwelche Andeutungen gemacht.
Und auch war ich mir nicht sicher, ob sie nicht vielleicht einen Freund hatte. Ich ging zwar nicht davon aus, denn jedes Mädchen gibt sowas sofort auf Facebook preis, jedoch wäre es eine ziemlich peinliche Situation geworden. Und ich musste ja schließlich jeden Tag weiterhin zur Schule, was hieß, ich würde sie jeden Tag sehen – das stellte ich mir sehr seltsam vor.
Dann war noch gar nicht gesagt, wie sie dazu stehen würde…
Im Nachhinein frage ich mich, ob ich mir nicht zu viele Sorgen gemacht habe.
Nun sitze ich hier wie ein Häufchen Elend und trauere meiner vergebenen Chance nach.
Was sie wohl in diesem Moment denkt?
Was soll dieser sentimentale Quatsch eigentlich? Sie denkt natürlich nichts mehr, sie ist schließlich tot! Aber was würde sie sagen, wenn sie in diesem Moment mit mir sprechen könnte?
Würde sie mir sagen, ich solle mir nicht so viele Sorgen machen? Ich sollte mein Verhalten nicht bereuen? Sie würde mich bestimmt trösten wollen. Sie würde nicht wollen, dass jemand trauert – erst recht nicht ihretwegen.
Kurz nachdem ich auf die Schule gekommen war, verstarb leider meine Großmutter.
Ich stand ihr sehr nahe, besonders, da ich als kleines Kind ziemlich viel Zeit mit ihr verbracht hatte.
Nach der Beerdigung verblieb ich noch etwas auf einer Bank, während die anderen Leute schon alle gegangen sind.
Ich saß also auf dieser Bank und war in meine Gedanken versunken, trauernd um meine verstorbene Großmutter - als sich plötzlich jemand zu mir auf die Bank setzte.
Zuerst beachtete ich die Peron nicht, sondern wimmerte weiter leise vor mich hin.
Bis ich etwas auf meinem Rücken spürte und eine mir sehr vertraute Stimme sagte:
„Mach dir keine Sorgen…“
Schließlich erkannte ich die Person neben mir, die ihren Arm um mich gelegt hatte: es war Lilly.
Sie hatte ein bezauberndes, schwarzes Kleid an, während sie mir mit einem Lächeln auf den Lippen meine Tränen aus dem Gesicht wischte.
„Was machst du denn hier?“, fragte ich sie.
„Oh, ich bin wohl etwas zu spät, oder? Ich wäre ja früher gekommen, ich hab es aber erst heute in der Schule mitbekommen – und selbst das nur zufällig. Ich hab mich ehrlich beeilt, aber ich…“
„Ich danke dir, Lilly. Du brauchst dich nicht zu entschuldigen…“
Daraufhin antwortete sie mit der einfühlsamsten Stimme, die ich je gehört habe: „Und warum weinst du dann? Meinst du denn, dass ein Verstorbener will, dass man um ihn weint und an nichts anderes mehr denkt? Dass man sich von den Freuden des Lebens abwendet? Also ich weiß nicht, wie es bei anderen Leuten ist, aber ich kann sagen, dass ich auf keinen Fall wollen würde, dass man um mich weint.“
„ Ich danke dir, Lilly.“
Ich danke dir für alles. Wirklich.
Ruhe in Frieden, Lilly.
Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem du nicht zur Schule gekommen bist. Ich wusste nicht, warum, da du nie so jemand warst.
Und den Tag davor hast du dich am Telefon auch nicht krank angehört.
Doch sollte meine Unwissenheit bald dem Wissen weichen.
Als unser Tutor in der dritten Stunde zu uns kam, sah er etwas bedrückt aus, bis er mit den Worten „Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll…“ begann, uns die traurige Nachricht zu übermitteln: Lilly war am Nachmittag des Vortages von einem Auto angefahren worden und verstarb an den Folgen des Unfalls.
Die meisten begriffen noch nicht, dass sie einfach nicht mehr da war.
Am Vortag haben noch alle mit ihr gelacht, und an diesem Tag mussten sie einsehen, dass es das letzte Mal gewesen war.
Auch ich musste das einsehen, jedoch realisiere ich erst heute, dass mein Verhalten falsch war; ich bereue, dass ich ihr meine Liebe nicht gestanden habe.
„Entschuldigung, bist du Jonas?“
Ich drehe mich um und sehe hinter mir die Eltern von Lilly. Ich hatte sie erst einmal auf einer Schulveranstaltung gesehen. Sie sind beide sichtlich mitgenommen von dem Tod ihrer Tochter, jedoch sieht man es der Mutter etwas mehr an.
„Ja, der bin ich. Mein Beileid“, reiße ich mich zusammen, damit ich nicht wieder in Tränen ausbreche.
Der Vater antwortet mit einem „Danke“, bevor Lillys Mutter fortfährt: „Ich möchte dir das hier geben.“
Sie reicht mir mit zitternder Hand ein kleines Büchlein woraufhin ich sie frage, was es denn sei.
„Es ist das Tagebuch von unserer Lilly.“ Mein Erstaunen lässt sich gar nicht mehr in Worte fassen: „Ich glaube nicht, dass ich das…“ versuche ich noch, zu entgegnen, jedoch unterbricht mich Lillys Mutter unter Tränen: „Doch. Mein Mann und ich haben es gelesen, um vielleicht herauszufinden, warum sie so unachtsam war… Wir wussten einfach nicht, was wir machen sollten, fühlten uns so hilflos.“ Dann kommen ihre Gefühle endgültig mit all ihrer Macht hoch. Ihr Mann nimmt sie in den Arm und hält sie fest, wobei er selbst damit kämpft, nicht zu weinen. „Ich weiß nicht, ob du es lesen willst, aber wenn es jemanden gibt, dem sie ihr Tagebuch anvertraut hätte, dann wärst du es, das weiß ich…“, sagt er, den Tränen nahe.
Schon wieder stehe ich hier, alleine nach einer Beerdigung, während all die anderen Leute gegangen sind.
Schon wieder trauere ich um den Verstorbenen und mache mir wohl zu viele Gedanken.
Nur wird diesmal niemand kommen, der mich tröstet.
Denn dieser Jemand ist nun auch verstorben.
Als ich mir ihr Tagebuch so ansehe, ringe ich mit dem Gedanken, es mir durchzulesen. Ich würde vermutlich noch nicht einmal alles lesen. Ich würde nur gerne eine Sache lesen: Was hat Lilly über mich gedacht?
Allerdings sage ich mir auch, dass es sinnlos ist. Was sollte es mir bringen?
Hätte sie mich nicht geliebt, wäre ich traurig über den Umstand, dass die Liebe nur einseitig war. Hätte sie mich doch geliebt, würde ich mir selbst niemals verzeihen können, nichts gesagt zu haben.
So komme ich zu dem Entschluss, es dabei zu belassen und es nun den anderen Angehörigen gleichzutun.
Nun, einen Monat später, stehe ich wieder vor ihrem Grab.
Vor dem Grab der Frau, die ich liebte.
Ich kam jede Woche her, um ihr neue Blumen hinzulegen. Auch wenn sie es wahrscheinlich nicht gern hätte, wenn man ihretwegen Geld verschwenden würde, dachte ich mir, ihr zumindest auf diese Weise ein wenig zu schmeicheln.
Und doch ließ mich der Gedanke nicht los: Was dachte sie über mich? Erwähnte sie mich überhaupt in dem Tagebuch?
Irgendwie habe ich plötzlich das Gefühl, dass ich es wissen müsste. Es überkommt mich so sehr, dass ich ihr Tagebuch, welches ich seit dem Tag ihrer Beerdigung immer bei mir trug, aus meiner Jackentasche hole und es ansehe.
„Okay“, fange ich unsicher an, „ich werde es hier lesen, damit du auch sehen kannst, dass ich nichts anderes lesen werde…“
Ich beginne in dem Buch zu blättern und finde den ersten Eintrag Ende August: Es war der Tag, an dem wir uns zum ersten Mal unterhielten.
Ich blättere also immer weiter und finde immer mehr Einträge, in denen ich erwähnt werde.
Dann gelange ich zum November. Ich lese mir einige Einträge genauer durch, wobei es zwar um mich geht, allerdings weiß ich nicht so recht, was ich davon halten soll. Auch wenn die Tatsache, dass ich immer öfter das Thema bin, zwar dafür spricht, erwähnt sie niemals explizit irgendwelche Gefühle mir gegenüber. Und was sollte man in ein Tagebuch schreiben, wenn nicht so etwas?
Und letztendlich, der letzte Eintrag: der 13. November.
Ich beginne, zu lesen. Lese immer weiter. Kann nicht glauben was ich lese.
Ist das wirklich war?
Meine Knie geben nach, ich sinke zu Boden, wobei mein Fall von dem Schnee gedämpft wird. Nun knie ich hier vor dem Grab und traue meinen Augen nicht. Ich kann nicht glauben, was ich gerade gelesen habe. Ich blicke mich um und sehe, dass das Tagebuch auch in den Schnee gefallen ist.
Ist das hier wirklich alles meine Schuld?
Dann bricht der Regen an, welcher den Schnee wegspült. Ich blicke auf das Tagebuch, das nun auch nass wird. Der Regen ist so stark, dass es schon gut die Hälfte der Seite verwischt hat.
Schnell nehme ich es an mich, bevor es komplett unleserlich wird. Dann schaue ich mir den Eintrag noch einmal an, um mich zu vergewissern, dass das, was ich gelesen habe, auch wirklich wahr ist:
13. November
[…] nicht mehr, was ich machen soll. Was wird er dazu sagen? Wird es womöglich unsere Freundschaft ruinieren?
[…]
[…]kann nicht mehr länger warten. Ich muss mich jetzt zu ihm auf den Weg machen. Es ist egal, was er antwortet, […] so nicht mehr weitergehen. Ich werde ihm nun sagen, was ich für ihn empfinde:
Jonas, ich liebe dich…
24. Dezember
Ich knie hier unter Tränen vor dem Grab der Person, die ich liebte. Die Person, die auch mich liebte.
Sollte dies mein Weihnachten sein?
Als ich in den Himmel blicke, vermischt sich der niederprasselnde Regen mit meinen Tränen und spült sie davon. Wenn nur die Geschehnisse auch so einfach weggespült werden könnten. Jedoch muss ich wohl damit weiterleben, das falsche getan zu haben.
Meine Kleidung ist inzwischen völlig durchnässt, wie auch der Boden langsam anfängt matschig zu werden.
Ich blicke wieder zum Grab, an welchem ich mich nun abstütze, immer noch fassungslos von meinen neuen Erkenntnissen.
Nun ist auch der letzte Schnee weggespült worden, wobei es doch hieß, es gäbe weiße Weihnachten.
„Lilly, ich werde dich immer lieben“, flüstere ich dem Grabstein zu.
Das werde ich…
Aus meinen Augenwinkeln sehe ich Jemanden, als Weihnachtsmann verkleidet, einen Unterschlupf zu finden, um nicht nass zu werden, während der Regen immer noch auf mich und Lillys Grabstein niederprasselt.
Frohe Weihnachten – dass ich nicht lache…
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Also ich bin jetzt grad echt verblüfft ... wirklich total hammer ^^ zwar traurig ( kein happy end xD ) aber schön geschrieben :) gefällt mir sehr :) ♥
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